Sprachtipp des Monats

© 2014 Holger Albers

September 2016: Spannung - auch im Fachtext?

Da sträubt sich dem wissenschaftlichen Schreiber, der mit lichtem Haarkranz und gekräuselter Stirn über seinem Text brütet, doch die Schreibfeder! Spannung in seinem Text? Er heißt doch nicht Wallace oder Mankell!


Und doch ist Spannung genau jenes Element, dass fachlich orientierten Texten oft fehlt. Es hat nie jemand festgelegt, dass nicht auch unterhalten darf, was bildet und informiert. Natürlich ist in diesem Zusammenhang eine andere Spannung gemeint als jene, die sich aus Mord und Totschlag ergibt. Es geht nicht um die Suche nach dem Verbrecher, es geht um den Leser, den wir auch im nächsten Absatz noch bei uns haben möchten.


Ein Filmproduzent in Hollywood soll zu seinen Autoren einmal gesagt haben, ein gutes Drehbuch müsse mit einem Erdbeben beginnen, um sich danach langsam steigern zu können. Spannung im Fachtext meint etwa zu überraschen, dem Lauf des Inhalts eine überraschende Wendung zu geben. Warum also nicht einmal von der chronologischen Erzählweise abweichen und mit dem Leser gemeinsam in eine scheinbare inhaltliche Sackgasse zu gehen? Selbstverständlich nur in eine solche mit einer kaum sichtbaren Tür am Ende. Übrigens: Der vorletzte Satz war eine rhetorische Frage. Sie regt zum Nach- und Mitdenken an - und sie erzeugt Spannung im Text, auch im Fachtext.


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